29. September 2018, 12 Uhr, Rathausmarkt Hamburg

Betroffene des NSU-Terrors, Angehörige der Ermordeten, Überlebende rechter Anschläge und antirassistische Initiativen – wir alle haben letztes Jahr als Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ fünf Tage lang in Köln gemeinsam Anklage erhoben. Anklagen hieß für uns nicht nur die rassistischen Morde und Anschläge, verantwortliche Personen und Institutionen zu benennen. Unsere vielstimmige Anklage nannte vor allem immer wieder die Namen der Ermordeten, trug ihre Porträts durch die Straßen Kölns, erzählte ihre Geschichten und die Geschichten migrantischen Lebens in Deutschland: Geschichten vom Ankommen und Bleiben, von erlebter Gewalt und den vielen Formen des Widerstands dagegen. Mit diesen Stimmen klagte das Tribunal die Rechte ein, die verweigert wurden und werden: Das Recht zu kommen, zu bleiben und zu leben, das Recht auf Aufklärung und Gerechtigkeit, das Recht zu trauern und zu gedenken, das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe.

Dieser Prozess ist mit dem Tribunal in Köln nicht abgeschlossen. Das Tribunal geht weiter! Dafür nimmt es neue Formen an, verbindet sich mit immer mehr Menschen und findet an neuen Orten statt. Nächste Station ist Hamburg. Am 29. September ist das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ mit einem Truck, der unter dem Motto „Kein Schlussstrich“ fährt, Teil der antirassistischen Parade „United Against Racism“. 

Die Betroffenen des NSU-Terrors und anderer rassistischer Gewalttaten haben mit ihren Geschichten und Analysen nicht nur klargemacht, wie Rassismus funktioniert, sondern auch, dass sie sich nicht vertreiben, dass sie sich nicht ihrer Rechte berauben lassen. Sie bleiben, sie kämpfen weiter um ihre Rechte und darum gehört zu werden. Das haben sie mit Geflüchteten gemeinsam. Egal ob gestern angekommen oder seit vier Generationen im Land – es geht um ein umfassendes Recht auf Rechte. 

Migrant*innen überschreiten seit Jahrzehnten die Grenzen, die uns trennen und hierarchisieren und stellen diese radikal in Frage. Gegen das, was sie dürfen, nämlich für nix schuften und dann sterben, setzen sie, was sie wollen: Bewegungsfreiheit, gutes Wohnen und gute Bildung, korrekte Bezahlung, das Recht, nicht belästigt zu werden, das Vermögen, zu sprechen, zu schreiben, zu zeigen, Gesellschaft zu gestalten. Das ist die Kraft, die hier die Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten erträglich gestaltet hat. Nicht weil Migrant*innen die besseren Menschen sind, sondern weil ihr Leben unter den Bedingungen struktureller Entrechtung per se auf die Ausweitung sozialer Rechte ausgerichtet ist. Jede Flüchtende, die die Fahrt über das Mittelmeer wagt, jeder Geflüchtete, der die Lager verlässt und das Leben eines Papierlosen wählt, aktualisiert die Idee demokratischer Teilhabe und Bürgerrechte.  

Auf dem Wagen werden die Stimmen des Tribunals, die Stimmen der Gesellschaft der Vielen zu hören sein. Überlebende rassistischer Anschläge, Angehörige von Opfern, deren Anwält*innen und viele andere werden ihre Perspektiven unüberhörbar machen. Das Stück „NSU-Monologe“ der Bühne für Menschenrechte lässt unseren 7,5-Tonner zwischenzeitlich zur Theaterbühne werden. Unsere Anklage, unsere Forderungen, unseren Protest werden wir auf Schildern und Plakaten sichtbar machen. Lasst uns anknüpfen an die lange Geschichte migrantischer Kämpfe um Rechte und diese gemeinsam weiterschreiben. In Hamburg tragen wir sie auf die Straße, sind laut und feiern die Gesellschaft der Vielen. We’ll come united!

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