Pressemitteilung: Tribunal klagt aus migrantischer Perspektive Rassismus an

Köln, 17.05.2017 – Am heutigen Mittwoch beginnt das Tribunal ‘NSU-Komplex auflösen’ am Schauspiel Köln. Betroffene, antirassistische Initiativen und Aktivist*innen klagen an den fünf Tagen einen strukturell verankerten Rassismus in Deutschland an und benennen Täterinnen und Täter des NSU-Komplex. In einer vielstimmigen Eröffnungsrede wird ein Blick zurück auf die Geschichte rassistischer Angriffe in Deutschland bis zu den Verbrechen des NSU-Netzwerks geworfen. Ziel ist es, die Perspektiven von Betroffenen rassistischer Gewalt zu stärken.

Mitat Özdemir, Mitgründer der Initiative „Keupstraße ist überall“, berichtet an diesem Eröffnungsabend von seiner Migrationsgeschichte, dem Ankommen in Deutschland und den Kampf der Migrant*innen für Rechte. Der Angriff des neonazistischen NSU galt insbesondere den Kleinunternehmer*innen, die sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut haben und das Stadtbild vieler Metropolen nachhaltig prägen.

Die Kölner Keupstraße steht als Beispiel der Migrationsgesellschaft und wurde daher vom NSU als symbolträchtiger Ort des rechten Terrors ausgewählt. Am 9. Juni 2004 platzierten die Neonazis eine Nagelbombe vor dem Friseursalon von Hasan und Öczan Yildirim. Die beiden Friseure berichten bei der Eröffnung, wie sie den Anschlag, der 22 Menschen zum Teil schwer verletzte, erlebt haben und wie Polizei und Behörden sie und die anderen Anwohner*innen in den Folgejahren als mutmaßliche Täter*innen behandelte. Die Ermittlungsmethoden der Polizei, die trotz starker Hinweise der Betroffenen auf Neonazis als mögliche Täter nicht in diese Richtung ermittelten, sind ein Beispiel des strukturellen Rassismus, den jeden Tag in Deutschland viele Menschen ausgesetzt sind.

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano setzt sich seit ihrer Befreiung gegen das Erstarken von faschistischen Strömungen in Deutschland ein. Auf dem Tribunal folgt sie ihrem Motto: „Ich spiele so lange bis es keine Nazis mehr gibt.“ Im Anschluss an ihre Rede spielen Esther und Joram Bejarano zusammen mit dem Rapper Kutlu Yurtseven von der Kölner Band Microphone Mafia einige Musikstücke.

Gülistan Avcı ist die Witwe von Ramazan Avcı, der bei einem rassistischen Mord 1985 in Hamburg von Skinheads getötet wurde. Er war eines der ersten bekannten Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Bundesrepublik. Gülistan Avcı berichtet von ihrer Gründung einer Initiative zum Gedenken an ihren damaligen Verlobten; dies führte u.a. zur Benennung des Ramazan-Avcı -Platzes in der Nähe des Tatortes.

Als langjährige Bewohnerin des „Sonnenblumenhauses“ berichtet Mai-Phuong Kollath wie sie als Nachbarin Zeugin des Anschlags in Rostock-Lichtenhagen 1992 wurde. Das Pogrom gehört zu den massivsten rassistisch motivierten Angriffen nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Heute ist sie als interkulturelle Beraterin ständige Teilnehmerin des Integrationsgipfels der Bundesregierung und stellvertretende Vorsitzende des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates.

Chowra Makaremi ist Wissenschaftlerin an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris und kontextualisiert das NSU-Tribunal in eine historische Reihe zivilgesellschaftlicher Tribunale.

Aktivist*innen des Vorbereitungskreis zum Tribunal ‘NSU-Komplex auflösen‘ gedenken der Opfer und beklagen die Ignoranz derjenigen, die nicht von Rassismus betroffen sind: „Ignoranz ist stärker als ein Nicht-Wissen. Es ist ein Nicht-Wissen-Wollen, ein Nicht-Wissen-Müssen.“ Das Tribunal, das am Samstag in der Verlesung der Anklageschrift gipfelt, wird durch die Aktivist*innen symbolisch eröffnet.

Zum Ausklang im Foyer des Depot gibt Bülent Kullukçu musikalische und visuelle Impressionen aus seinem Projekt, das er mit dem Berliner Publizisten Imran Ayata verfolgt. Die „Songs of Gastarbeiter“ versammeln Musik der ersten Einwanderergeneration.

Pressekontakt

Tribunal ‘NSU-Komplex auflösen‘
media@nsu-tribunal.de, Tim Klodzko, Sonja Stodiek, Mobil: +49 (0) 157 30 31 19 70
Mehr Infos: www.nsu-tribunal.de/newsroom

Akkreditierungen und Informationen während des Tribunals:
Medienzentrum im Café Offenbach (1. Etage), neben dem Depot des Schauspiel Köln