Nous Accusons: Anklage des Kollektivs Jalta

Als Mitglieder der Postmigrationsgesellschaft, als Jüd*innen in Deutschland, als Herausgeber*innenkollektiv der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart klagen wir an, erklären wir uns solidarisch, verweigern und wehren wir uns.

Wir klagen die Taten des NSU an. Wir klagen die Verweigerung der Aufklärung durch die deutschen Behörden an. Wir klagen die rassistische Behandlung der Opfer und Angehörigen während der Ermittlungen und darüber hinaus an. Wir klagen den gesellschaftlich tief verankerten Rassismus an, die gesellschaftliche Gleichgültigkeit. Wir klagen die Unsichtbarmachung des rassistischen Hintergrunds der Mordserie an. Wir klagen die Unsichtbarmachung der Betroffenen des Rassismus an. Wir klagen den Rassismus unter Jüd*innen in Deutschland an.

Wir erklären uns solidarisch mit den Opfern des NSU und deren Angehörigen, mit den Betroffenen von Rassismus, mit allen Menschen, die an der Veränderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse arbeiten, die gemeinsam die ‚Gesellschaft der Vielen‘ gestalten.

Als Jüd*innen in Deutschland wird uns häufig eine Deutungshoheit zugesprochen, solange wir uns an unsere vorgeschriebenen Rollen und die etablierten Narrative halten – im Gedenken an die Shoah, als Ankläger*innen des Antisemitismus (bloß nicht den der ‚deutschen‘ Gesellschaft), als streitbare Jüd*innen, mit denen sich die liberale deutsche Gesellschaft schmücken kann.

Wir verweigern uns diesen Spielregeln.

Wir wehren uns gegen diese Fremdbestimmung, die zugleich versucht zu verhindern, dass wir aus den oktroyierten Bildern der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft aussteigen und uns als politische Akteur*innen positionieren können. Gegen die uns zugeschobenen, aber auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft immer wieder existierende Opferkonkurrenzen, die Rassismus gegen Antisemitismus abwägen. Wir wollen uns nicht als Minoritäten gegeneinander ausspielen lassen.

Stattdessen stehen wir – nicht nur – im Kontext des NSU-Komplexes als Verbündete mit Betroffenen, marginalisierten Gruppen und allen Solidarisierten bereit. Stattdessen probieren wir neue solidarische Positionen aus.Stattdessen öffnen wir Räume für anders geführte Auseinandersetzungen. Stattdessen suchen wir neue Allianzen.

Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart

Micha Brumlik, Max Czollek, Marina Chernivsky,
Hannah Peaceman, Anna Schapiro, Lea Wohl von Haselberg

Kontaktieren könnt ihr uns unter der Emailadresse jalta@neofelis.de.
(Während des NSU-Tribunals in Köln am Freitag, 19.Mai (10-13h), bieten Lea Wohl von Haselberg und Hannah Peaceman einen Workshop zu „NSU und Antisemitismus – Medienanalyse und Solidarisierung“ an. Infos folgen.)