Rede von Esther Béjarano, Überlebende des KZ Auschwitz, auf dem Tribunal, 17.05.2017

Ich sage es immer wieder und werde es auch in Zukunft sagen, wer gegen die Nazis kämpft, kann sich leider nicht auf den Staat verlassen! Ich muss laut aufschreien, seit Jahren hält diese Tradition in Deutschland an. Ob damals vor meiner Boutique, in Rostock-Lichtenhagen, in Hoyerswerda, Mölln, Solingen oder im Fall des NSU: staatliche Behörden versagen und das beängstigende ist, dass sie dies oft wissentlich tun! Beamtinnen und Beamte schützen nicht Opfer sondern ihre Quellen, die NAZIS sind! Was soll das?! Opfer werden zu Täter, werden diffamiert und verhöhnt, von den Behörden, den Medien auch von der Gesellschaft! Ja, auch das hat Tradition. Was soll das?!

Wie können die Opfer des NSU und ihre Familien darauf vertrauen, dass es in München zu einem Urteil kommt, der ihnen und ihrer Trauer um ihre Toten und ihre Verletzten Genugtuung bietet, wenn der Prozess an sich nicht dafür geschaffen wurde dies zu realisieren! Ganz klar ist: rassistische und faschistische Morde können nicht mit einem gewöhnlicher Strafprozess angeklagt werden, WIE SOLL ES HIER IRGENDWIE GERECHTIGKEIT GEBEN und wie soll man all diese Taten wirklich aufklären bzw. den rassistischen Komplex offenlegen. Wieder wird von EinzeltäterInnen geredet, auch das hat Tradition!

Wehret den Anfängen ist nicht mehr aktuell! In Zeiten in denen wieder Unterkünfte brennen, Politiker offen rassistische Äußerungen tätigen, die AFD unter dem Deckmantel der Demokratie gewählt werden darf, aber zeitgleich offen mit Nazis und Rassisten paktiert und Menschen erlaubt, ihre menschverachtende Ideologie des Nationalsozialismus unerkannt zu verbreiten und weiterzuführen, in der bekannt wird, wie sehr die Bundeswehr von Nazis und Rassisten unterwandert ist und dies wieder als Neu und Einzelfall abgetan wird, stehen wir nicht vor den Anfängen, NEIN wir sind mittendrin.

Und wenn wir in derartigen Zeiten leben, dann sind wir gefragt und gefordert! Wir alle haben die Pflicht Verantwortung zu übernehmen, solidarisch mit den Opfern rassistischer Gewalt zu sein und ihnen zur Seite zu stehen, zuzuhören und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nie wieder alleine sein werden. Nicht gegenüber dem strukturellen Rassismus, nicht gegenüber den Medien und nicht gegenüber den Rassistinnen und Rassisten und das Tribunal hier in Köln ist dafür ein weiterer Meilenstein. Ein Meilenstein unbeugsam zu sein und gemeinsam mit Opfern an- und einzuklagen! Danke, danke dafür, dass ich heute das Tribunal mit eröffnen kann und danke dafür, dass ich ein Teil des Tribunals sein kann, denn auch das Tribunal ist jetzt ein Teil einer Rache an den Nazis!

Esther Béjarano, Überlebende des KZ Auschwitz, 17.05.2017