Rede von Ibrahim Arslan, Überlebender des rassistischen Brandanschlages von Mölln 1992, auf dem Tribunal, 20.05.2017

20.05.2017 

Tolstoj hat mal gesagt:  

„Wenn jemand Schmerzen fühlt, dann ist er lebendig,
wenn jemand die Schmerzen anderer fühlt, dann ist er ein Mensch.“

Sehr verehrte Betroffene der nationalsozialistischen und neofaschistischen Gewalt, sehr verehrte solidarische Menschen, meine Genossen und Genossinnen, meine Schwestern und Brüder, meine Familie,

wir verstehen eure Anwesenheit als Zeichen eurer Solidarität und Respekt unseren Geschichten gegenüber. Danke dafür, danke auch, dass ihr euch die Opferperspektive anhört. Für mich bedeutet das, dass wir von nun an Seite an Seite gemeinsam diesen Kampf führen werden, der uns den Frieden und die Freiheit bringen wird.

Heute ist der Tag, an dem nicht Diplomaten und Politiker reden und verhandeln, heute ist der Tag, an dem Betroffene und Opfer die Hauptzeugen des Geschehenen sprechen und anklagen.

Ich freue mich, gemeinsam mit euch an etwas teilzunehmen, das als einer der größten Demonstrationen und Widerstand für die Freiheit der Betroffenen in die Geschichte eingehen wird.

Das, was wir heute anfangen, ist nicht nur ein Politikum, sondern auch ein Bruch des Schweigens, ein Aufschrei der Betroffenen und Opfer gegen die falsch laufende Opfer- und Gedenkpolitik. Wir werden uns von niemanden mehr instrumentalisieren lassen, wir werden uns von niemanden mehr mundtot machen lassen, keiner kann uns unser Gedenken mehr wegnehmen, jeder wird akzeptieren müssen, dass Betroffene nicht Statisten sind, sondern die Hauptzeugen des Geschehenen.

Sehr verehrte Betroffene, nutzt bitte alle hier die Gelegenheit, eure Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wir wissen, wie oft wir uns auf die Lippen gebissen haben als wir nicht das sagen konnten, was wir eigentlich wollten. Nun ist die Zeit gekommen, um zu schreien, um die Gesellschaft aus ihren Traum zu wecken und in die Realität zurückzuholen.

Nehmen wir uns alle Familie Yozgat als Beispiel. İsmail Yozgat ist der Mensch, der überall seine Forderung nach einer Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße fordert und dies überall öffentlich macht, unabhängig davon, ob jemand betroffen ist oder nicht.

Er zeigt uns, dass jeder sich daran beteiligen muss, um diese Forderung durchzusetzen, genauso wie wir alle daran beteiligt waren, als es hieß: Dönermorde, Bosporus-Ermittlungen, Zuhältermilieu, und nichts dagegen unternommen haben oder unternehmen konnten.

Herr Yozgat, Sie sind ein Vorbild für mich und wahrscheinlich auch für viele andere Menschen hier.

Sie haben mit ihren Forderungen vielen Betroffenen Hoffnung und Mut gegeben, um ihre eigenen Forderungen in die Öffentlichkeit zu rücken, egal wie realistisch die Forderung ist oder nicht. Vielen Dank dafür.

Ich weiß nicht, was noch wunderbarer und schöner ist als aktive und Widerstand leistende Betroffene. Sie lehren uns, dass egal was einem passiert, egal wie schlimm das Schicksal einen trifft, nicht aufzugeben, Mut zu haben und immer noch an das Gute in Menschen zu glauben.

Sie zeigen uns aber auch, dass solche Taten sie nicht schwächt, sondern sie zusammenschweißt, sie stärkt und sie kämpfen lässt.

Familie Yozgat, Familie Kubaşık, Familie Şimşek, Familie Boulgarides, Familie Turgut, Familie Yaşar, Familie Özüdoğru, Familie Kiesewetter, Familie Kılıç, Familie Taşköprü und alle anderen Betroffenen-Familien, die ich noch kenne und kennenlernen werde, ihr seid nicht allein im Kampf gegen das Vergessen, wir werden diesen schweren Kampf gemeinsam kämpfen. Unser gemeinsames Schicksal, das uns zusammen geschweißt hat, wird uns von nun an unzertrennbar machen gegen Rassismus, gegen Faschismus, für die Gerechtigkeit, für den Frieden.

Mein Name ist Ibrahim Arslan, ich bin Opfer und Überlebender der rassistischen Brandanschläge vom 23. November 1992 in Mölln.

Vor 23 Jahren verübten zwei Neonazis – Lars Christiansen und Michael Peters – einen rassistischen Brandanschlag auf meine Familie. Sie zünden feige, mitten in der Nacht, unser Haus an, und verbrennen zwei Kinder und eine Erwachsene.

Die Kinder, meine Schwester Yeliz Arslan, gerade mal 10 Jahre alt, meine Cousine Ayşe Yilmaz, gerade mal 12 Jahre alt, ersticken qualvoll in den Flammen, meine Oma Bahide Arslan stirbt schmerzhaft an den Flammen, sie verbrennt am lebendigen Leibe.

Mehrere Überlebenden, darunter auch ich, werden schwer verletzt und traumatisiert.

Unser Haus wurde aus reinem Hass angezündet, es wurde aber auch aus politischen Gründen angezündet. Politische Sätze wie „Das Boot ist voll“; „wir können keinen Asylbewerber mehr aufnehmen“ haben dazu beigetragen, solche menschenverachtende Taten zu vollbringen.

Es waren Neonazis, die sich von der Republik bestätigt gefühlt haben, als sie dies taten.

 

Wie kann man an dieses Verbrechen gedenken?

Wer hat die Herrschaft über das Gedenken?

Welche Gedenkveranstaltung ist offiziell und welche inoffiziell?

Dies sind Fragen, mit denen sich die Betroffenen und Opfer seit Jahren quälen. Was uns gehört, muss erkämpft werden. Reclaim and Remember, das Erinnern erkämpfen. Kann man sich das vorstellen? Dies sind die leidvollen Erfahrungen der Betroffenen und Opfer. Kann man eine solche rassistische Tat, eine solche rassistische Geschichte, ohne die Opfer und Betroffenen einzubeziehen, gedenken? Wer entscheidet über unser Schicksal?

72 Jahre nach dem Holocaust steht immer noch die Frage, wie man mit Opfern und Betroffenen und deren Gedenken umgehen soll.

Mit den Opfern, die hingeworfen sind in eine Ecke, als würden sie in der Geschichte keine Rolle spielen.

Mit den Opfern, denen sie jegliche kraft ausgepresst haben.

Mit den Opfern, die erkannt haben, dass sie in ihrem eigenem Land im Exil leben.

Wir müssen uns hier und jeden Tag von Neuem bemühen, die Ängste, die wir in uns tragen, zu übermitteln, um die Ketten des Schweigens zu zerbrechen.

Trauer ist die reinste Form des Erinnerns. Wir trauern um die Toten, die keine Stimme mehr haben, um uns von ihrem schwer nachfühlbaren Schrecken zu erzählen. Aber wir trauern auch um die Überlebenden, die zum Überleben verurteilt wurden. Wir müssen seitdem mit einem schrecklichen Trauma leben, mit dem Trauma, dass wir nichts unternehmen konnten, als sie starben. Nichts kann uns davon befreien und wenig ist unternommen worden, um es uns erträglicher zu machen.

Die Vergangenheit und die Gegenwart zeigt uns, dass leider meist die Täterperspektive für die Gesellschaft interessant ist.

SIE sind es, die Menschen töten, und trotzdem hofiert werden, und in der Geschichte die Hauptrolle spielen. Bücher werden über SIE geschrieben, in Filmen sind SIE zu sehen, Kämpfe haben SIE gewonnen, Kriege haben SIE verloren, SIE werden in die Geschichte eingehen – als Helden.

WO SIND DIE OPFER? Diese Frage wird immer seltener gestellt von der Gesellschaft. Wir müssen die Sympathie gegenüber den Betroffenen entwickeln, wir dürfen sie nicht wie Statisten behandeln. Wie sollen solche schrecklichen Taten aufhören, wenn wir uns nicht mit den Betroffenen und Opfern identifizieren?

Fragen wir uns selbst einmal, wie viele hier in diesem Raum denn die Betroffenen des NSU kennen, oder die Opfer. Wie viele Namen fallen uns ein? Enver Şimşek , Halit Yozgat, Süleyman Taşköprü, Theodoros Boulgarides, oder die Betroffenen Gamze Kubaşik, Semiya Şimşek , Osman Taşköprü, an wie viele Geschichten der Betroffenen können wir uns erinnern?

Doch wir wissen alle hier, wer Beate Zschäpe ist, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt. DIES ist beschämend! DIES ist respektlos! Wir fordern Respekt für unsere Geschichten und Solidarität für unsere Forderungen.

Die Opfer- und Betroffenenperspektive ist auch interessant, meine Damen und Herren! Die Betroffenen müssen in den Vordergrund, damit die Gesellschaft Sympathie mit den Betroffenen und Opfern entwickelt! Die Gesellschaft muss sich mit den Betroffenen auseinandersetzen und sich identifizieren, damit solche Taten aufhören.

Unsere größte Sehnsucht ist, euch unsere Geschichten zu erzählen, davon zu berichten, was wir erlebt haben, welchen schmerzvollen Weg die Opfer und Überlebenden nach der Tat ausgesetzt sind.

Um so eure Solidarität zu bekommen, damit so etwas nie wieder passiert.

Wir verlieren dadurch unsere Symptome und werden gesund. Denn es gibt keine Brücke über den Fluss – Vorher Nachher –, so dass wir das Geschehene wieder rückgängig machen können. Aber wir können gemeinsam Brücken bauen, um uns dem entgegenzustellen.

Wie auch die Politiker gemerkt haben, werden wir in Zukunft nur solidarische Menschen brauchen, um eine respektvolle Gedenkveranstaltung zu gestalten. Wir werden die Opferrolle, die mit Schwäche gestempelt ist, mit Stärke befüllen, um zu zeigen, dass Opfer und Überlebende keine Statisten sind, sondern die Hauptzeugen des Geschehenen.

Wann werdet ihr zufrieden sein?

Diese Frage kommt immer wieder von denjenigen, die tatsächlich daran glauben, dass sie unsere Forderungen erfüllt haben.

Wir werden nie zufrieden sein!!!

Wir können niemals zufrieden sein, wenn immer noch rassistische und faschistische Taten in diesem und in anderen Ländern verübt werden.

Wir können niemals zufrieden sein, wenn Menschen auf diese Art sterben.

Wir können niemals zufrieden sein, wenn Menschen (Betroffene) stigmatisiert, traumatisiert, instrumentalisiert und mundtot gemacht werden.

Wir können niemals zufrieden sein, wenn sich unsere Kinder nach 4-5 Generationen immer noch in diesem Land integrieren müssen; wenn sie ihrer Selbstbestimmung entzogen und ihrer Würde beraubt weiterleben.

Nein, wir werden nicht zufrieden sein, bis die Freiheit und die Gerechtigkeit auf uns herabströmt und uns überflutet.

Wir haben nicht aufgegeben und haben noch jede Menge Reserven. Deshalb sind wir hier, deshalb klagen wir diesen beschämenden Zustand in aller Öffentlichkeit an.

Das Gedenken ist und bleibt umkämpft, und wir werden unser Erkämpftes nie wieder zurückgeben.

Dafür möchte ich mich aus fester Überzeugung bei euch solidarischen Menschen bedanken. Danke, dass ihr es uns ermöglicht.

 

Ibrahim Arslan, Opfer und Überlebender der neofaschistischen Anschläge von Mölln 1992
20.05.2017